top of page
  • Autorenbildheidiluger

Erfahrungsbericht #5: Erholungsaufenthalt im Tisserand Bad Ischl


Die letzte 3 Wochen war ich auf Erholung im ÖGK Gesundheitszentrum Tisserand Bad Ischl.


Zunächst möchte ich festhalten, dass es mir in der Woche vor meiner Anreise so gut, wie schon lange nicht mehr gegangen ist. Ich hatte relativ viel Energie (50-60% des Normallevels) zur Verfügung und konnte einigen Aktivitäten nachgehen - vielleicht war es da trotz Vorsicht und Pacing schon wieder ein bissi zuviel...


Die Anreise mit den Erstaufnahmegesprächen war jedenfalls sehr anstrengend für mich. Der Arzt vor Ort war überaus verständnisvoll und wir vereinbarten mit sehr wenig Therapien (Unterwassergymnastik, Physiotherapie und Massagen - alles für meine Schulterbeschwerden) zu starten und gegebenenfalls die Aktivitäten zu steigern. Aller Vorsicht zum Trotz bin ich am zweiten Tag des Aufenthalts gecrasht und es ging mir so schlecht wie seit langem nicht mehr - ich konnte wieder Mal nur liegen... Nach mehreren therapiefreien Ruhetagen kehrten die Energien wieder ein wenig zurück, aber eine richtige Stabilisierung stellte sich nicht mehr ein. Die Therapien halfen der Schulter wirklich gut. Aber die Fatigue...


Zusätzlich fand ich die sozialen Interaktionen hier wirklich anstrengend. Die ersten einenhalb Wochen saß ich am Tisch mit einer Frau, die sich offensichtlich in einer manischen Phase befand. Ich wurde mit intimen Details aus ihrem Leben, zahlreichen Ratschlägen und Witzen zu meinem Erschöpfungszustand ohne jegliche Rücksicht auf verbale Grenzen meinerseits derart zugetextet, dass ich schließlich mit viel Aufwand einen Sitzplatzwechsel erwirken konnte. Nun sitze ich mit zwei liebenswürdigen älteren Personen zusammen, die beide an Krebs erkrankt sind. Krankheit und Tod sind Dauerthema im Tischgespräch. Keine Frage, die neue Tischgemeinschaft stellt eine deutliche Verbesserung dar. Aber Erholung ist die ständige Konfrontation mit Sterbeängsten nicht. Auch die erschreckenden Parallelen zwischen der Energiesituation krebkranker Pensionist:innen und meiner eigenen Befindlichkeit fordern mich psychisch heraus. Aus emotionaler Sicht und mit Blick auf meine psychische Resilienz bin ich schon sehr froh, wenn ich in 3 Tagen nach Hause komme und lange nix mehr von Krankheit höre.


Ich liege nun hier und versuche für mich Resumee zu ziehen:

  • Die Therapien für die Schulterbeschwerden waren definitiv hilfreich und haben zu einer Verbesserung geführt.

  • Die Situation mit der Fatigue ist bestenfalls gleich geblieben - eher hat sie sich leicht verschlechtert.

  • Mein Körpersystem ist offensichtlich nach wie vor sehr sensibel. Die Umstellung auf den Aufenthalt hier war für meinen Organismus sehr anstrengend:

    • anderes Essen

    • fixe Essenszeiten

    • überheizte Räume ohne Möglichkeit zur individuellen Wärmeregulation

    • neue Umgebung

    • fremde, schwer belastete Personen rund um mich

  • Ich habe mindestens einenhalb Wochen gebraucht, um mich einzugewöhnen.

Fazit:

Ein viel besseres und verständnisvolleres Umfeld für Fatigue als hier im Tisserand Bad Ischl kann es kaum geben. Das gesamte Personal war unterstützend und entgegenkommend. Es gab sehr wenig Therapievorgaben für mich. Und trotzdem war es zu viel für meinen Organismus. Und da stellen sich mir dann ein paar Fragen:


Liebe behandelnden Ärztinnen und Ärzte, die uns alle dringend zu einer Reha oder Erholung raten!

Ist es sinnvoll Menschen, für die gerade jede Umstellung eine Herausforderung darstellt, aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen?

Ist es hilfreich Menschen, für die jede kleine Aktivität eine Anstrengung darstellen kann, in ein Umfeld zu drängen, in dem strikte Zeitpläne den Tag diktieren?

Können überhaupt Verbesserungen von einem medizinischen Aufenthalt erwartet werden, WENN WIR NOCH IMMER NICHT WISSEN, WAS DAS EIGENTLICH FÜR EINE KRANKHEIT IST, DIE WIR HABEN, UND ES KEINE WIRKSAME THERAPIE DAFÜR GIBT?


Die einzige wirksame Maßnahme - Pacing - kann ich persönlich nämlich zu Hause in gewohnter Umgebung ohne zeitliche Vorgaben deutlich besser praktizieren!


Ich verstehe ja, dass als Mediziner:in im Patient:innenkontakt der Wunsch vorhanden ist, Hilfestellungen anzubieten. Und wenn es eine unerforschte Erkrankung ist, deren Ursache und Behandlung unklar sind, bleiben die möglichen Wortmeldungen und Angebote ehrlicherweise ziemlich begrenzt. Es stellt sich bei Long Covid mal wieder die Frage, ob weniger nicht mehr ist....


Ich bin ein motiviertes Pandabärchen und experimentierfreudig. Die Umgebung ist sehr schön hier. Die ÖGK-Einrichtung hier ist top. Es war gut mal aus Wien rauszukommen. Aber wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, würde ich den Aufenthalt nicht antreten.

320 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page